Aufnahme in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes
Karlsruhe, (28.03.2025). Glockenguss und Glockenmusik werden in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Kulturministerkonferenz der Länder und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien haben am Mittwoch (26. März) bestätigt, diese Kulturform gemeinsam mit insgesamt 17 weiteren lebendigen Traditionen in das Bundesweite Verzeichnis aufzunehmen.
„Die Aufnahme der Kulturform ‚Glockenguss und Glockenmusik‘ in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Bundesrepublik Deutschland wird der Bedeutung gerecht, die das Glockenwesen seit der Karolingerzeit in den deutschen Ländern hat“, erläutert Prof. Dr. Michael Kaufmann vom Orgel- und Glockenprüfungsamt der Evangelischen Landeskirche in Baden. In seiner Funktion als Leiter der Aus- und Fortbildung für Orgel- und Glockensachverständige an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg ist er auch Mitglied im Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen. „Ab dem 8. Jahrhundert wurden Glocken hierzulande gegossen, auf Türme aufgezogen und geläutet. Seit damals ruft dieses erste harmonische Massenmedium in kirchlichen Kontexten zum Gottesdienst oder stillen Gebet und dient im weltlichen Bereich als Signalinstrument, das vor Gefahren warnt oder unter anderem zu feierlichen Anlässen erklingt.“ Ein wesentlicher Aspekt sei, dass Glocken und ihr Klang Heimat schafften: „Die auf der Bronze aufgebrachten Inschriften und Zierden vermitteln Geschichte in die Gegenwart. Und beim Uhrschlag und im Läuten vertrauter Töne spiegelt sich ein Stück unserer Identität“, so der Glockenfachmann.
„Das Fachkomitee würdigt den Glockenguss als eine jahrhundertealte Handwerkstechnik, die neben dem Gießen und Formen auch das Verzieren von Glocken beinhaltet“, heißt es im Bestätigungsschreiben der Deutschen UNESCO-Kommission und der Kulturministerkonferenz an die Antragsteller. „Es erkennt an, dass heute noch in fünf Glockengießereien in Deutschland das überlieferte Wissen und Können dieser Technik aktiv weitergegeben wird. Die Glockenmusik wird sowohl durch mündliche Anleitungen als auch in Lehrgängen und Kursen gelehrt und wirkt als Kulturform und Kommunikationsmittel in Kultur und Sprache hinein. Insgesamt steht die Praxis des Glockengusses in enger Verbindung mit der Weitergabe von Wissen und Können der Glockenmusik.“
Auch die badische Landeskirche hat unter ihren etwa 700 Geläuten mit etwa 2.500 Glocken eine weit zurückreichende Tradition. „Eine sehr alte Glocke befindet sich beispielsweise in der Bergkirche St. Michael in Büsingen am Hochrhein. Sie wurde um das 12. Jahrhundert in Form eines sogenannten Zuckerhutes wahrscheinlich auf der Klosterinsel Reichenau gegossen“, erläutert Michael Kaufmann. Eine nicht ganz so alte historische Glocke erklinge in der Thomaskirche Kleinsteinbach, die ‚Michaelsglocke‘, geformt 1468 von dem lothringischen Wandergießer Hans Lamprecht (Jean Lambert) für das ehemalige Benediktinerinnenstift Frauenalb. „Eine noch recht junge Glocke ist dagegen die anlässlich des Europäischen Glockentages in Karlsruhe 2004 von der Glockengießerei Bachert gegossene ‚Friedensglocke‘ in der Christuskirche Karlsruhe. Sie gehört mit ihrem Schlagton f0 und mehr als neun Tonnen Gewicht zu den wirklich sehr großen Glocken.“
Dass Glockenläuten und -spielen eine lebendige Tradition bleibt, dafür sorgen unter anderem auch Projekte wie „#createsoundscape“, das 2018 startete und sich vor allem an Jugendgruppen richtet. Das Glocken-Wiki soll Glocken aus Deutschland und weit darüber hinaus, in einer digitalen Landkarte zum Klingen bringen. Es wird von den Glockenexperten der Badischen Landeskirche und der Erzdiözese Freiburg gemeinsam betreut.
Eingereicht wurde der Antrag für die Aufnahme in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes vom Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen, vom Westfälischen Glockenmuseum Gescher und von der Deutschen Glockenspielervereinigung e.V., die auch als Trägergruppe dieser Kulturform agieren.