Jahreslosungsfahne 2021 am Turm der Evangelischen Kirche in Langensteinbach
Langensteinbach/Karlsruhe, (30.12.2020). „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Diese Jahreslosung für 2021 aus dem Lukasevangelium 6,36 wurde von dem Künstler Jens Wolf in ein Bild umgesetzt. In klaren Farben und Formen leuchtet es nun vom Kirchturm der Langensteinbacher Kirche.
Wir blicken in einen Raum hinein (links sieht man den Türbalken) und sehen drei Menschen sitzen oder stehen an einem Tisch, der mit einer weißen Tischdecke festlich gedeckt ist: vor jedem Menschen steht ein roter Becher (und einer zusätzlich an der anderen Seite des Tisches), es gibt eine Flasche zum Nachschenken, auf dem Tisch liegen 5 Brote und 2 Fische - noch ist alles unangetastet, das festliche Essen kann gleich beginnen. Und über allem die Sonne, aber halt, sie ist nicht gelb, sondern weiß: Symbol für die grundlegende Gegenwart des lebensspendenden Gottes (auf vielen Bildern von Jens Wolf findet man sie); und darunter ein dezent angedeutetes Kreuz für Christus. Unter der Gegenwart Gottes und dem Kreuz Christi findet diese Begegnung statt.
Auffällig und bewusst gewählt sind die Farben auf unserem Bild: der Mensch auf der linken Seite ist in Rot gekleidet - Rot gilt schon seit alters her als die Farbe des Göttlichen - und stellt Jesus dar. Die beiden Menschen an der anderen Tischseite sind grün gekleidet; Grün ist die Komplementärfarbe zu Rot und gleichzeitig die Farbe der Schöpfung. Die Menschen im Gegenüber zu Jesus, aufeinander bezogen, von ihm eingeladen zu Essen und Gemeinschaft, um Leib und Seele zu stärken.
Etwas eckig sind die Menschen gezeichnet und ohne Arme. So wie man zu Beginn eines Zusammenseins noch etwas kantig, zurückhaltend, reserviert ist, weil Vertrauen erst wachsen muss. Aber das miteinander Essen, die gemeinsamen Gespräche, das Einander-Wahrnehmen wird sie bald auftauen lassen und eine Vertrautheit wird sich einstellen und vielleicht werden ja auch Ideen entwickelt, gemeinsam tätig zu werden und anzupacken, um anderen zu helfen. Insofern steckt in dem Bild, das zuerst wie eine Momentaufnahme wirkt, eine enorme Dynamik und wird damit der Bewegung in dem biblischen Vers gerecht.
Zwei biblische Geschichten sind hier zugrunde gelegt, um Gottes Barmherzigkeit darzustellen. Zum einen die Speisung der 5000 Menschen mit 5 Broten und 2 Fischen (Mt 14; Mk 6; Lk 9; Joh 6); zum anderen deuten die roten Becher (in Verbindung mit dem Brot) auf das Abendmahl hin.
In der Speisung der 5000 Menschen gibt Jesus den Hungernden zu essen; und aus den vorhandenen 5 Brote und zwei Fische werden ganz viele, so dass es für alle reicht - und sogar noch etwas übrigbleibt. Im Abendmahl gibt Jesus sich selbst und er vergibt den Glaubenden ihre Schuld.
In diese zwei Richtungen der Barmherzigkeit weist auch das Kapitel Lukas 6, dem unser Bibelwort entnommen ist: Geben und ver-geben, großzügiges Schenken und Erlassen von Schuld. Und wer weitere Werke der Barmherzigkeit sucht, findet sie im Matthäusevangelium Kapitel 25.
„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
Da steht nicht der bloße Appell „Seid barmherzig!“ Sondern es heißt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Ohne diesen Zusammenhang bleiben wir in den Regeln dieser Welt - „Wie du mir, so ich dir.“ - verhaftet. Aber im Glauben eröffnet sich uns noch eine andere Dimension.
Barmherzigkeit, dieses Wort, das so viel umfasst, ist hier von dem Künstler Jens Wolf in der Tischgemeinschaft zum Ausdruck gebracht worden. Barmherzigkeit, an Leib und Seele gestärkt werden, füreinander da sein und einander helfen, beginnt im ganz Alltäglichen. Und so wie Brote und Fische in der biblischen Geschichte für ganz viele Menschen gereicht hat, so können auch wir darauf vertrauen, dass Gottes Barmherzigkeit, die wir erfahren und weitergegeben, sich vervielfältigt.
Der katholische Bischof Franz Kamphaus hat es auf den Punkt gebracht mit dem Satz: „Mach‘s wie Gott - werde Mensch!“
Besonders in dieser unserer durch die Coronakrise gezeichneten Zeit erleben wir ganz stark die Sehnsucht nach dem Abendmahl und nach Gemeinschaft und wie wohltuend es ist, miteinander an einem Tisch zu sitzen: Essen, Trinken und Gespräche miteinander zu teilen, einander mitzuteilen, einander zu verstehen, nicht nur vor einem Bildschirm sitzend, sondern ganz nah, zum Anfassen nah.
Und - auch ich bin eingeladen in diese Gemeinschaft; die Tür ist offen und ein Becher steht schon am vorderen Eck des Tisches für mich bereit. Für mich und für dich.
„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
(Reinhild Prautzsch, Pfarrerin im Ehrenamt, Langensteinbach)
Künstler der Jahreslosungsfahne 2021: Jens Wolf
Klare Formen, klare Farben – so ist das Bibelwort aus Lukas 6,36: Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ umgesetzt worden von Jens Wolf.
Jens Wolf, Jahrgang 1949, 15 Jahre tätig als Lehrer, hat lange mit seiner Familie in der Kommunität der Jesusbruderschaft in Gnadental und im Kloster Volkenroda gelebt. Nun hat er seinen Wohnsitz und sein Atelier in Ahnatal-Weimar bei Kassel.
Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen (aus seiner Homepage):
„Warum malst du? Das werde ich immer wieder gefragt.
Ich habe immer gemalt - schon als kleines Kind. Irgendwann habe ich begonnen, Bilder von Künstlern bewusst zu betrachten und … auch bewusst zu malen. Weil ich malen musste.
Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass ich gerne lebe. Und dass ich schon früh erfahren habe, echtes Leben hat immer mit Spannungen zu tun. Spannung zwischen Geburt und Tod, Tag und Nacht, Hell und Dunkel. Spannungen zwischen Erfolg und Scheitern, Glück und Trauer, Humor und Ernst. Unser gesamtes Leben ist ausgespannt zwischen einem Beginn und einem Ende. Es ist ein Weg zwischen einem Aufbruch - wo wir nicht mehr sind - und einem Ankommen - wo wir noch nicht sind.
… Wir alle sind auf dem Weg zwischen Aufbruch und Ankunft - oft mit anderen zusammen, manchmal auch alleine. Ich glaube fest daran, dass wir einmal ankommen werden, wo wir unsere Heimat finden. Deshalb muss ich bis dahin malen - hoffentlich noch viele Bilder.“
Und wie schön: Ein Bild hat er für uns gemalt und es wird uns durch das nächste Jahr begleiten.
Wer mehr erfahren will, kann auf der homepage von Jens Wolf (http://www.atelier-jens-wolf.de) einen Eindruck von seinem Schaffen bekommen.
(Reinhild Prautzsch)




