Telefonseelsorge in Corona-Zeiten
Interview mit Pfarrerin Elke Rosemeier
Pfarrerin Elke Rosemeier leitet seit Ende 2016 die TelefonSeelsorge Rhein-Neckar e.V. mit Sitz in Mannheim. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Ausbildung, die Fortbildung und die Begleitung von Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge. Im folgenden Interview geht sie auf die aktuelle Situation ein.

Pfarrerin Elke Rosemeier leitet die TelefonSeelsorge Rhein-Neckar e.V.
Quelle: Elke Rosemeier, privat - eingebettet von www.ekiba.de
Sorgen sich die Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge jetzt um sich selbst?
Elke Rosemeier: Das tut wahrscheinlich jeder, aber es hindert niemand daran zum Dienst zu kommen. Unsere Telefone sind rund um die Uhr besetzt, Tag und Nacht, auch an Wochenenden, Sonn- und Feiertagen. Unsere älteste Ehrenamtliche ist 83 Jahre alt und die jüngsten Mitarbeitenden sind um die 25 Jahre alt. Der Austausch zwischen den verschiedenen Generationen wird als große Bereicherung erlebt und bei vielen herrscht eine Grundgelassenheit und eine wohltuende Unaufgeregtheit, auch in der jetzigen Situation.
Wir bieten auch Online-Beratung per Mail und Chat an. Dafür gibt es nun zum Teil größeren Spielraum, weil die Freiwilligen mehr Zeit haben, da ihre sonstigen Aktivitäten stark eingeschränkt sind. Wir profitieren sehr davon, dass die TelefonSeelsorge bereits seit 25 Jahren Erfahrung mit der Onlineseelsorge hat und wir eingeübt sind mit den Medien, die nicht von der Krise betroffen sind. Darauf greifen viele Ratsuchende zurück.
Elke Rosemeier: Das tut wahrscheinlich jeder, aber es hindert niemand daran zum Dienst zu kommen. Unsere Telefone sind rund um die Uhr besetzt, Tag und Nacht, auch an Wochenenden, Sonn- und Feiertagen. Unsere älteste Ehrenamtliche ist 83 Jahre alt und die jüngsten Mitarbeitenden sind um die 25 Jahre alt. Der Austausch zwischen den verschiedenen Generationen wird als große Bereicherung erlebt und bei vielen herrscht eine Grundgelassenheit und eine wohltuende Unaufgeregtheit, auch in der jetzigen Situation.
Wir bieten auch Online-Beratung per Mail und Chat an. Dafür gibt es nun zum Teil größeren Spielraum, weil die Freiwilligen mehr Zeit haben, da ihre sonstigen Aktivitäten stark eingeschränkt sind. Wir profitieren sehr davon, dass die TelefonSeelsorge bereits seit 25 Jahren Erfahrung mit der Onlineseelsorge hat und wir eingeübt sind mit den Medien, die nicht von der Krise betroffen sind. Darauf greifen viele Ratsuchende zurück.
Wie wirkt sich die besondere Situation auf die Arbeit aus?
Elke Rosemeier: Die aktuelle Lage ist einmalig, so etwas haben wir noch nie erlebt. Wenn dies die Ehrenamtlichen beeinflusst, dann so, dass sie noch mehr Verständnis für andere haben als sonst, Gefühle gut nachvollziehen können, weil sie ganz nah dran sind. Wir sind zu dritt im Team, meine Kolleginnen Diana Beetz und Ljiljana Kerstiens, und ich stehen zur Verfügung, wenn Mitarbeitende ein Gespräch brauchen. Das ist wichtig, da die Gruppen-Supervisionen im Moment entfallen. Dort kann man normalerweise seine Arbeit besprechen und sich entlasten. Unsere Ehrenamtlichen sind gut geschult, die Ausbildung geht über eineinhalb Jahre, sie sind auf alles vorbereitet. Sie wissen, dass auch Themen kommen können, die sie selbst betreffen und lernen in der Ausbildung, damit umzugehen.
Ist die Telefonseelsorge jetzt mehr gefragt als sonst?
Elke Rosemeier: Ja, ganz eindeutig. Jeder zweite Anruf dreht sich um das Thema Corona. Für manche ist es ein Gesprächseinstieg, für andere das beherrschende Thema. Es gibt auch Menschen, die jetzt zum ersten Mal mit uns telefonieren. Ich denke, weil gewohnte Alltagsgespräche, Kontakte und der Austausch mit anderen wegfallen. Da bleibt die TelefonSeelsorge ein verlässlicher Ansprechpartner, der rund um die Uhr zur Verfügung steht. Wenn Menschen, die einer Risikogruppe angehören, ganz auf sich alleine gestellt sind und ihre eigenen vier Wände nicht mehr verlassen können, dann kann das zu Ängsten und zu Gefühlen von Isolation und Verlassenheit führen. Ihnen bieten wir Kontaktmöglichkeiten an, die sie vorher u.U. nicht gebraucht haben.
Wer ruft an?
Elke Rosemeier: Zwei Drittel Frauen, das ist ziemlich gleichbleibend. Alle Altersgruppen sind vertreten, die meisten sind zwischen 40 und 80 Jahre alt. Im Chat haben wir eher 15- bis 30-Jährige, per Mail melden sich schwerpunktmäßig die 30-50-Jährigen. Daran hat sich kaum etwas geändert.
Welche Fragen stehen im Mittelpunkt?
Elke Rosemeier: Die Verunsicherung ist auf allen Ebenen spürbar. Was passiert mit uns, mit der Gesellschaft, mit mir in der Kontaktsperre? Wie lange werden die Maßnahmen andauern? Vielen Menschen fällt es schwer, mit so einer offenen Situation umzugehen. Andere haben Angst, dass ihnen die sozialen Kontakte wegbrechen. Großeltern machen sich Gedanken über ihre Enkel, die um ihre berufliche Existenz bangen. Selbstständige fürchten den Ruin. Was mache ich, wenn ich meine Miete nicht mehr zahlen kann, trotz Aufschub? Wenn das eigene Zuhause gefährdet ist, ist das eine existentielle Bedrohung. Es geht insgesamt fast weniger direkt um die eigene Gesundheit, mehr um die möglichen Folgen des Krankheitsausbruchs, und oft geht es um Einsamkeit.
Was erhoffen sich die Anrufenden?
Elke Rosemeier: Dass ihnen jemand zuhört und mit ihnen spricht. Da ist jemand für mich da, der mich ernst nimmt, der meine Sorgen nicht abtut. Ich bin nicht allein. Es ist schon ungeheuer viel, wenn man sich mitteilen kann, und die Gedanken aufhören, im eigenen Kopf zu kreisen.
Wie geht Ihr Team auf die Sorgen ein?
Elke Rosemeier: Wir lernen hier viele schwere Schicksale kennen. Wir versuchen herauszuhören, um was es gehen könnte, wenn jemand zum Beispiel allgemein von einer Situation der Überforderung spricht. Im Gespräch kann sich möglicherweise klären, was konkret in diesem Moment belastet, und was es an Entlastung geben könnte. Z.B. den Sohn anrufen, über den man sich Gedanken macht. Wir fragen auch danach, wie Krisen bereits bewältigt wurden, welche Kraftquellen zur Verfügung stehen, was guttut? Ein Ziel des Gesprächs kann sein, aus der Aufgeregtheit herauszufinden, Kontakt zu den eigenen Gefühlen aufzunehmen, die eigenen Stärken und Möglichkeiten (wieder) zu sehen. Gemeinsames Hinschauen, Hoffnung vermitteln, auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Unsere Gespräche können beim Sortieren helfen und beim Entdecken, wie ich wieder selbst wirksam sein kann.
Wird die Corona-Krise anders als ein persönliches Problem wahrgenommen?
Elke Rosemeier: Je nachdem, wo man arbeitet, ist die Krise bereits ein existenzielles, persönliches Problem. Ich selbst versuche Ruhe zu bewahren und von einem Tag auf den anderen zu schauen. Für manche Menschen ist es sehr schwer, mit Unsicherheit umzugehen und eine Haltung zu entwickeln, dass eine Krise bewältigt werden kann. Es ist ja möglich, dass alles noch schwieriger wird, als wir es jetzt vermuten, aber wir wissen es nicht. So eine Unsicherheit kann zu einem riesigen Berg werden. Ich wünsche mir, dass solche Menschen zum Hörer greifen und uns anrufen. Vielleicht kann wieder etwas Zuversicht verspürt werden, vielleicht kann es wieder etwas heller werden und Hoffnung entstehen.
Haben Sie Angst vor Personalmangel?
Elke Rosemeier: Wir haben so viele engagierte Ehrenamtliche, ich glaube, wir können den Betrieb auch in ungewöhnlichen Zeiten aufrechterhalten.
Die Fragen stellte Sabine Eigel, Redaktion ekiba intern


