Wann fühlen Sie sich frei? Im Urlaub beim Sprung in den kühlen Badesee, wenn nichts anderes zählt als nur der gegenwärtige Augenblick? Beim Waldspaziergang in der unberührten Natur, wenn der Kopf frei wird und die Gedanken zur Ruhe kommen? Auf dem Gipfel eines Berges nach langer Wanderung, wenn Sie gleichsam alle Sorgen und Pflichten unten im Tal zurückgelassen haben?
Zum Glück gibt es Zeiten und Orte im Leben, die uns Freiheit spüren lassen: die Sommerferien, Spaziergänge am Strand, der endlose blaue Himmel.
Für viele Zeitgenossen fällt das Leben in zwei Teile auseinander, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben: in einen rastlosen Alltag einerseits und wenige Urlaubswochen im Jahr andererseits, in denen es im besten Fall nach einigen Tagen gelingt, zur Ruhe zu kommen und wirklich so etwas wie Freiheit zu spüren.
Wie wäre es, wenn es uns besser gelänge, die Freiheit in den Alltag zurückzuholen? Würde das nicht eine immense Steigerung an Lebensqualität bedeuten? Sicher, ich kann nicht einfach nur tun und lassen, was mir in den Sinn kommt. Damit würde ich schnell scheitern und in finanzielle Abhängigkeit geraten. Aber immer wieder Inseln der Freiheit zu schaffen, mitten im Alltag – wäre das nicht ein Gewinn für unser seelisches Gleichgewicht?
Es muss ja nicht gleich das Sabbatjahr als Auszeit vom Beruf sein. Aber wie wäre es, einen freien Abend in der Woche nur zur eigenen Verfügung zu haben, eine Zeit, in der ich tun und lassen kann, wonach mir der Sinn steht? Oder wie wäre es, regelmäßig bei Besorgungen im Ort auf das Auto zu verzichten und sich die Freiheit zu nehmen, zu Fuß zu gehen – wer weiß, was für Begegnungen unterwegs auf uns warten? Oder einmal wieder einem alten Freund zu schreiben, den man vor vielen Jahren aus dem Blick verloren hat? Möglichkeiten, sich mehr Freiheit in den Alltag zu holen, gibt es viele: „Die Freiheit nehm' ich mir!“
Aber darf ich das überhaupt? Wird nicht ganz anderes von mir erwartet? Wird nicht, wer sich zu viele Freiheiten herausnimmt, in unserer Gesellschaft ganz schnell abgehängt?
Das Reformationsjubiläum 2017 stand in den Landeskirchen in Baden und Württemberg unter der Losung „... da ist Freiheit“ (2. Kor 3,17). Damit haben die evangelischen Kirchen daran erinnert, dass Luther den Glauben von Zwängen befreit hat: Nicht (religiöse) Leistung entscheidet darüber, ob ein Mensch Gnade vor Gott findet – die bekommt er von Gott umsonst geschenkt. Welch eine Befreiung war das für die Menschen damals! Aber auch heute ist dieser Freiheitsimpuls des Glaubens noch genauso wichtig. Evangelischer Glaube bildet ein Gegenmodell zur reinen Leistungsgesellschaft, in der der Mensch nur so viel wert ist, wie er eben leisten kann – eine Gesellschaft, in der wir niemals frei sein können, sondern immer abhängig von Gesundheit, Besitz und Ansehen. Der Glaube dagegen besteht darauf, dass jeder Mensch in Gottes Augen gleichen Wert hat – eine frohe Botschaft, die Menschen damals wie heute wahrhaft frei macht.
Pfarrer Emanuel Fritz, Dekanin-Stellvertreter



