Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden.

Wir sind mitten in der Passions- bzw. Fastenzeit. Wie jedes Jahr lädt die Evangelische Kirche unter dem Motto „7 Wochen Ohne“ zum Mitfasten ein. Doch diesmal wird das Verzichten wohl den meisten noch schwerer fallen als sonst. Haben wir nicht schon genug verzichtet seit dem Ausbruch der Corona-Krise?
Ich gebe zu, wenn man Fasten als freudlose Selbstbeschränkung versteht, dann macht es in unserer Situation keinen Sinn, dazu aufzurufen. Aber die Fastenaktionen der Evangelischen Kirche folgen einem anderen Gedanken. Dabei geht es um Umdenken, Perspektivwechsel und die Chance für einen Neustart.
Dieses Mal heißt das Motto der Aktion: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden.“ Wir schön wäre es, wenn wir bald wieder ganz ohne Beschränkungen tun und lassen dürften, was wir wollen. Freundinnen und Freunde einladen und in geselliger Runde die Geburtstagsfeste nachfeiern, die in den letzten Monaten ausgefallen sind. Endlich wieder ohne Beschränkungen reisen, wohin wir wollen. Oder ein Besuch im Kino oder Theater – das wäre jetzt toll. Doch es gibt gute Gründe dafür, dass diese äußeren Beschränkungen noch eine Weile aufrecht erhalten werden müssen.
Entscheidender als äußere Gründe sind aber oft innere Hindernisse, die uns davon abhalten, unser Verhalten zu verändern. Vielleicht kennen Sie das Zitat von Ödön von Horvath: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.“ Hier wird uns in ironischer Weise vor Augen geführt, wie viele Vorhaben und Absichten an unseren inneren Blockaden scheitern. Meist schieben wir äußere Umstände vor, um nichts ändern zu müssen. „Das Wetter ist in dieser Jahreszeit so schlecht, da macht es keinen Sinn, mit dem Joggen anzufangen.“ „Ich hätte ja gerne mehr Zeit für mich, aber die Kinder nehmen mich einfach vollständig in Anspruch.“ „Natürlich arbeite ich zu viel, aber ohne mich würde im Betrieb einfach nichts mehr laufen.“ Hinter diesen auf den ersten Blick stichhaltigen Begründungen steckt häufig eine innere Blockade – die Angst vor den Konsequenzen, die eine wirkliche Verhaltensänderung mit sich bringen würde. Wenn ich anfangen würde Sport zu treiben, bliebe weniger Zeit für andere Hobbys. Wenn ich wirklich mehr Zeit für mich hätte, dann müsste meine Familie selbstständiger werden. Und wenn ich weniger unbezahlte Überstunden machen würde, dann würde ich auf der Beliebtheitsskala meiner Chefin wohl einige Stufen absinken.
Oft ist unser Spielraum größer als wir auf den ersten Blick meinen oder uns eingestehen möchten. Paulus hat das einmal sehr treffend formuliert: „Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will.“ (Brief an die Römer, Kapitel 7,15-16, BasisBibel) Damit ist das ganze Dilemma auf den Punkt gebracht. Da allein herauszukommen ist unmöglich.
Zum Glück müssen wir das nicht. Über unserem Leben steht Gottes großartiges Versprechen eines weiten Spielraums: „Du hast mir weiten Raum gegeben, wo ich mich frei bewegen kann.“ (Buch der Psalmen, Kapitel 31,9b, BasisBibel) Aus Gottes Perspektive ist unser Leben ein weiter Raum, in dem wir uns frei bewegen können. Dazu hat er uns beschenkt mit besonderen Eigenschaften, Fähigkeiten und Talenten, die wir zur Entfaltung bringen können. Oft sind es nur die inneren Blockaden, die uns daran hindern, sie zu entdecken. Dann braucht es Gottes befreienden Geist, der uns Mut macht, diese Blockaden endlich aus dem Weg zu räumen und wirklich Neues auszuprobieren.
Ganz ohne Blockaden wird es wohl nicht gehen in dieser Fastenzeit. Aber trotzdem will ich uns ermutigen, unseren Spielraum neu auszuloten, indem wir Gottes Versprechen ernst nehmen und den weiten Raum erkunden, den er uns schenkt. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Buch der Psalmen, Kapitel 18,30b, Lutherbibel). Gibt es etwas, das Sie in den nächsten Wochen ausprobieren möchten? Trauen Sie sich und vertrauen Sie Ihr Anliegen Gott an. Mit seiner Hilfe schaffen wir es, die Blockaden, die uns einengen, zu überwinden.
Bleiben Sie behütet!
Pfarrer Emanuel Fritz, Dekanin-Stellvertreter