Sommerweihnacht 2025

 

Sommerweihnacht

Endlich sitze ich auf dem Balkon. Es ist schon spät, fast zehn Uhr, aber noch ist nicht Nacht. Die Sonne ist gerade verschwunden, glimmert ein wenig am Horizont. Der Sichelmond steht bereits am Himmel. Noch ist es hell genug, um zu lesen. Ganz klar kann ich die Maikäfer am Himmel ausmachen, denen die Fledermäuse nachjagen. Die Vögel singen vereinzelt, auch die Nachbarn schlafen noch nicht. Irgendwo schaut jemand eine Serie in voller Lautstärke auf seinem Balkon. Hinter dem Haus plantschen Kinder im Wasser. Auf der anderen Straßenseite gießt ein Mann seine Blumen, damit sie gestärkt sind für die Hitze am nächsten Tag.

Die Jahresmitte, um den 24. Juni herum, ist hell. Die Sonne hat nun ihre höchste Strahlkraft erreicht. Und alles lebt: wogende Blüten, Kräuterdüfte, Kinderlachen, Abkühlung im See, Körbe voller Kirschen, Eiscreme, Sommerferien in Sicht. Kaum vorstellbar, wie es jemals wieder kalt und ungemütlich werden soll. In einem halben Jahr sind die Straßen und Häuser mit Tannenbäumen geschmückt. Da kramen wir die Krippe mit dem Christkind hervor.

In der Jahresmitte also, in der die Tage lang und heiß sind, wird die Geschichte von Johannes dem Täufer erzählt. In die Wüste zog er sich zurück und suchte das ursprüngliche Leben. Der Legende nach kleidete er sich mit Fell, und lebte vom Honig wilder Bienen. Doch er war nicht wirklich allein. Jünger scharten sich um ihn. In einer Furt am Jordan warteten Menschengruppen darauf, von ihm getauft zu werden. Johannes der Täufer glaubte, träumte und predigte davon, dass Menschen nach Gott fragen. Dass sie sich nach ihm sehnen, wie nach Licht und Liebe. Dass sie sich Gott zuwenden.

Der Johannestag am 24. Juni heißt im Volksmund „Sommerweihnacht.“ Die Dunkelheit, der Kerzenschimmer, die Weihnachtslieder sind noch weit entfernt. An den winterlichen Regen mag ich noch gar nicht denken. Jetzt sehe ich den Himmel leuchten. Hell und klar, bis tief in die Nacht hinein.

Die Hoffnung der Johannesnacht entzündet in mir ein Feuer. Der klare Himmel ist ein Versprechen. Der Himmel sagt: „Ich sehe dich! Ich bin nicht fern! Mein Licht erlischt nicht in dunkelster Nacht. Die barmherzige Liebe kommt zur Welt. Das Licht aus der Höhe bringt Klarheit in das Wirrwarr unserer Zeit.“ Noch lange lausche ich in die wachsende Finsternis hinein. Und sehe, wie das Licht die Dunkelheit verdrängt.

Vera Schleich, Pfarrerin