Schulbeginn 2024

 

Meditation zur Jahreszeit

Achtung, die Schule geht wieder los!

 
 

 
Ich bin immer gerne in die Schule gegangen. – Warum? Vielleicht, weil meine Mutter Lehrerin war. Da durfte ich schon früh immer mal mit, sogar ins Lehrerzimmer, wo damals noch geraucht wurde. Im Eingangsbereich der Hauptschule war ein kleines Wasserbecken mit einem Frosch, aus dessen Maul das Wasser kam, wenn er denn in Betrieb war. Manche Schüler wussten dies, so hörte ich, zu verhindern.
In der Schule, in die ich eingeschult wurde, ist heute ein Altenheim. Die zweite Schule, die ich besuchte, wurde in der Zwischenzeit zweimal ausgebaut und existiert, ebenso wie das Gymnasium, an dem ich die längste Zeit als Schüler verbrachte, bis heute. Die dritte Schule, die ich besuchte, steht seit Längerem leer, wie auch die alte Schule meiner Mutter.
 
Der Religionsunterricht begann mit vielen Geschichten, die ich bereits aus dem Kindergottesdienst kannte. Besonders vor Augen steht mir noch, wie ich als Zweitklässler den Traum von den Garben, die sich verneigten, aus der Josefsgeschichte in meine Mappe gemalt habe. In der sechsten Klasse bekam ich einmal eine „1“ im Zeugnis, weil es ja auch schön ist, wenn nicht nur Sina, sondern auch ein Junge aus der Klasse eine „1“ bekommt. Wir lasen in der Bibel und die Lehrerin ermahnte uns jedes Mal, auf die „zarten Seitenblättchen“ Acht zu geben. In der siebten und achten Klasse hatten wir einen Religionslehrer, der mit uns das ganze Markusevangelium las und es dazu auf Arbeitsblättern in kleine Abschnitte aufgeteilt und diese mit Fragen versehen hatte. Er sang mit uns auch ein Lied: “You will never come to heaven with the Bundesbahn, cause the Bundesbahn is much too lahm.” – By the way: Sind Sie, seid ihr gut aus den Ferien gekommen?
 
In der neunten und zehnten Klasse wurde es politischer, mein damaliger Relilehrer ist heute noch Ratsherr für die Grünen in der Kreisstadt, in der ich zur Schule ging. Mein Geschichtslehrer von damals war und ist bekannt als einer der intellektuellen Vordenker der neuen Rechten in Deutschland.
 
In der Oberstufe – seit der Konfirmation war ich ehrenamtlicher Mitarbeiter im Kindergottesdienst meiner Heimatgemeinde – wurde der Reliunterricht theoretischer. Ich kam mit dem Lehrer nicht mehr so zurecht, hatte plötzlich statt 13 im Jahr zuvor nur noch 7 Punkte im Zeugnis – und wählte Religion im letzten Schuljahr ab. Meine Entscheidung in diesen Jahren, Richtung Pfarrberuf zu studieren, beeinträchtigte dies nicht, da die positiven Erfahrungen in der Gemeinde überwogen. Dass das einmal bedeuten könnte, als Pfarrer selbst Religionsunterricht zu erteilen und das als eine der beständigsten Säulen des Pfarrdienstes, malte ich mir zu der Zeit nicht aus. In der hannoverschen Landeskirche, der ich angehörte, war und ist dies nicht üblich.
 
Die Schule ist eine eigene Welt, der Religionsunterricht in der Schule noch einmal ein Mikrokosmos innerhalb des Schulbetriebs. Und jetzt geht es wieder los! Hoffentlich motiviert: Ich kann in der Schule Bestätigung bekommen für das, was ich kann. Ich kann mir etwas erarbeiten.
Und ich freue mich auf viele Menschen, die ich jetzt nach den großen Ferien wiedersehe, denen ich viel zu erzählen habe und mit denen ich unterwegs bin. Unterwegs wohin? – Na ja, zum Leben vielleicht. Mit guten Freunden.
Für die Schülerinnen und Schüler ist die Schule doch die Hauptwelt, in der sie stehen. So sehe ich es jedenfalls im Rückblick auf meine Zeit als Schulkind und auch als Vater zweier schulpflichtiger Kinder.
 
Als Eltern und Fachlehrer ist Schule für mich anders. Ich stehe auf einer anderen Seite: Tun lassen. Lernen lassen. Machen lassen. Motivieren. Inspirieren. Begeistern. Wenn es allen Beteiligten in der Schule gelingt, in diesem Sinne zusammenzukommen, ist Schule etwas Tolles.
Etwas fürs Leben. Ja, ich glaube tatsächlich, Schule braucht von uns Großen in erster Linie Engagement fürs Engagement der Lernenden. Wo doch als Erstes heute in der Regel von zu wenig in Bezug auf alle möglichen Ressourcen geredet wird, zu wenig Geld, zu wenig Lehrer, zu wenig Digitalisierung, zu wenig Disziplin… Beachtung schenken, jeden sehen.
Wie dem 12jährigen Jesus im Tempel von den Lehrern seiner Zeit Beachtung geschenkt wurde und sie selbst dabei noch etwas lernten. Wie Jesus dann später selbst Achtung vor dem Leben vermittelte.

– Eine gute Schule vermittelt Achtung: Achtung vor Interessen, Achtung vor Fähigkeiten, Achtung vor Wissen, Achtung vor Erfahrungen.

Gut auch, wenn es eine liebevolle Achtung ist. Dann kann selbst die ängstlichste Schülerin aufatmen.
Und dann zieht Freude ein in die Welt. Die Freude des Alltags, die sich bisweilen genauso himmlisch anfühlen kann, wie die liebe Urlaubszeit, die nun zu Ende geht.
 
Pfarrer Klemens Dittberner