Menschlichkeit in Zeiten des Virus

 

14. März 2020: es wird der stillste Geburtstag meines Lebens sein. Ich habe alle Freunde und Bekannte gebeten, daheim zu bleiben, um alle unnötigen sozialen Kontakte zu vermeiden, und feiere allein mit meinem Bruder (und meinen drei Katern). Kein Fußball, weder im Stadion noch am Sonntag auf unserem Sportplatz. Kein Gottesdienst. Mir kommt es in den Sinn, wie es anderen Menschen geht: in den ersten Städten dürfen nur fünf Angehörige an Bestattungen teilnehmen, ratlose Eltern versuchen, eine Betreuung für ihre Kinder zu organisieren, da Kitas und Schulen schließen (die Großeltern fallen aus, da sie geschützt werden sollen), junge Menschen bangen um ihr Abitur, manche Existenz steht auf dem Spiel, etwa in Handel und Gewerbe.

Verzicht auf das öffentliche Leben. Und wir sind erst am Anfang! Mir hilft dabei dieser Gedanke: Denk nicht an dich, an all das, worauf du verzichten musst, was dir Sorgen und Probleme bereitet. Denke an die alten und kranken und schwachen Menschen, die du schützt, weil du sie nicht mit dem Virus ansteckst. Wenn du ohne Sorge bist – was soll mir der Virus schon anhaben – dann denke an alle, die daran sterben könnten. Zwei einfache grafische Kurven der Epidemie-Welle, die kommen wird, erscheinen vor meinem inneren Auge: eine steile, so steil, dass unser Gesundheitssystem mit all den Kranken auf einmal überfordert ist, und eine deutlich flachere und längere, die genug Zeit lässt, sich um alle Kranken zu kümmern. Menschlichkeit in diesen Zeiten verlangt, dass ich zuerst an die Menschen denke, deren Leben in Gefahr geraten könnte.

Vielleicht dauert es ein Jahr bis zu meinem nächsten Geburtstag, dass sich die Lage wieder normalisiert. Es wird wieder ein normales Leben geben. Das wusste schon die Bibel, als sie ans Ende der großen Sintflut-Geschichte folgende Worte setzt: „Von jetzt an gilt, solange die Erde besteht: Nie werden aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Genesis 8,22)

Schuldekan Gunnar Kuderer