Gottes mütterliche Seiten

 

Den Übergang von einem Jahr zum andern empfinden wir als etwas Besonderes. Diese Tage haben in unserem Leben ihren besonderen Rang und Reiz, weil sie uns an das Leben in der Zeit erinnern. Keine Sekunde kann ich anhalten. Kaum ist sie geschehen, ist sie schon vergangen.

In der Rückschau überlegen wir, was hat sich 2015 ereignet, was ist mir gelungen, was nicht. In der Vorschau werden wir nachdenklich und überlegen, was werden wird. Große Hoffnung oder tiefe Sorgen, starke Ermutigung oder lähmendes Gefühl, tiefes Zutrauen oder ängstliches Zagen – was gibt wohl den Ausschlag? Oder im Glauben beides ausgehalten?

Damit wir im Glauben gefestigt werden, gibt es die Jahreslosung, ein Wort, das uns durch das Jahr 2016 begleiten wird. Dieses Jahr ist sie dem Prophetenbuch Jesaja entnommen. Katastrophen und Kriege, Verbannung und Tod sind dem Propheten bekannt. Auch kritisiert er scharf die soziale Ungerechtigkeit im Land und das kulturelle, auch fromme Versagen. Gottes Zorn ist offenbar über die Ungerechtigkeit. Dennoch sagt sich Gott nicht los, im Gegenteil, er tröstet.

So spricht er: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13 –Jahreslosung 2016).

Gott verheißt seinen Trost nach einer langen Leidensgeschichte und ermutigt zu einem neuen Anfang, weil er tröstet – wie einen seine Mutter tröstet: nicht immer weich, sondern stets warm, nicht immer indifferent, sondern stets ehrlich, nicht immer verständnisvoll, wohl aber wahrhaftig. Gottes mütterliche Seiten zeigen sich darin, dass Gott sich uns zeigt wie ein „Backofen voller Liebe“ (Martin Luther). In diesem Vertrauen zu Gottes Begleitung und in der Selbstkritik der Umkehr zu diesem mütterlichen Gott dürfen wir die Jahresschwelle überschreiten und getrost nach vorne schauen.

Dekan Hans Scheffel