Es mutet fast schon surreal an: im Lehrerzimmer sind die Möbel ausgeräumt, damit Platz ist für die Abteilungskonferenz; Stühle sind im ganzen Raum verteilt, auf denen die Kolleginnen und Kollegen in großem Abstand sitzen – alle mit Atemmasken vor dem Gesicht, selbst beim Sprechen. Nur für meine Brezel, die ich mir schön verpackt aus einem Karton hole, darf ich den Nasen-Mund-Schutz abnehmen.
Ich sitze am Pult im Klassenzimmer; nach und nach kommen die Schülerinnen zur ersten Stunde, alle haben ihre Atemmasken an, so dass ich nur an den Augen sehen kann, ob sie lächeln oder heute früh noch müde sind. Erst am Platz werden die Masken abgezogen.
Das verlangt viel Disziplin. Disziplin, die ich an vielen anderen Orten inzwischen vermisse, weil eine große Müdigkeit um sich greift, sich an die Regeln zu halten, die sich und vor allem andere Menschen schützen sollen. In den Schulen hält die Disziplin, denn die jungen Menschen haben begriffen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht: ihre Bildung, der einzig richtige Rohstoff, den es in Deutschland in Hülle und Fülle gibt; der monatelange Lockdown hat vielen vor Augen geführt, was im echten Leben fehlt, wenn ich die Klassenkameraden nicht mehr sehe, wenn ich die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr leibhaftig erleben kann.
In einem Kommentar habe ich gelesen, uns fehle der asiatische Gemeinsinn, der solche Regeln stoisch erträgt, das eigene Wohlbefinden, den Wunsch nach Spaß und Fun dem Allgemeinwohl unterordnet; dabei haben wir eine lange christliche Tradition des Gemeinsinns, den wir nur leben müssten. Gerade in Zeiten wie der Corona-Pandemie kann uns das Wort des Apostels Paulus eine wichtige Richtschnur sein: „Helft einander, die Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat.“ (Gal 6,25f)
Schuldekan Gunnar Kuderer



