Der November ist an sich schon immer ein grauer Monat zwischen dem goldenen Oktober und der Adventszeit im Dezember. Ein Monat des Gedenkens an die Verstorbenen an Allerseelen, Allerheiligen und am Totensonntag sowie die Opfer von Krieg und Gewalt am Volkstrauertag. In diesem Jahr ist es noch einmal eine besonders schwierige Zeit mit Kontaktbeschränkungen, vielen Absagen und dem verzweifelten Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Corona-Virus.
„Alles kein Weltuntergang,“ sagen die einen. Für andere bricht gerade eine Welt zusammen: weil sie als Unternehmer oder Künstlerin gerade kein Geld verdienen können und vor der Pleite stehen. Oder weil sie einsam sind und kaum noch Kontakt zu anderen Menschen haben. Wieder andere sehen Anzeichen für den bevorstehenden Weltuntergang. Verschwörungstheorien haben gerade Hochkonjunktur. Im Netz verbreitet sich in Windeseile die Behauptung, dass die momentane Krise auf das geheime Wirken verbündeter Eliten zurückgeht, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen.
Schon immer haben einige Menschen gedacht, sie wüssten mehr als die ahnungslose Masse. Auch in der Zeit der ersten Christen glaubten einige, das Ende sei nahe herbeigekommen. Paulus schreibt daher in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki: „Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ (1. Thessalonicher 5,1-2.4-6)
Paulus meint: Das Ende der Welt kommt wie ein Dieb in der Nacht. Niemand kann sagen, wann der Dieb in der Nacht kommt. Jegliche Spekulation darüber, wann das Ende der Welt tatsächlich kommt, ist daher völlig überflüssig.
Das zweite, das Paulus festhält, ist: „Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“ Was er damit meint, erklärt er einige Zeilen später: Wir haben Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese drei tragen wir wie eine Art Schutzausrüstung gegen die Angst. Selbst wenn das Ende der Welt käme – wir bräuchten uns nicht zu fürchten, denn auch dann sind wir in Gott geborgen.
Und was folgt daraus für Paulus? Dann können wir uns ja lässig zurücklehnen, oder? Nein, Paulus sagt: „Lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“
Es braucht Ausdauer, um Glaube, Liebe und Hoffnung aufrecht zu erhalten, um sie nicht einschlafen zu lassen. Mit der Zeit laufen wir Gefahr abzustumpfen, die Augen zu verschließen und zu sagen: Irgendwie werden wir schon durchkommen. Paulus dagegen will, dass die Christenheit wach bleibt, dass sie mit offenen Augen durch die Welt geht und die Zeichen der Zeit erkennt.
Glaube, Liebe, Hoffnung wach halten in unserer Zeit, das könnte heißen: In dieser Krise zusammenhalten und an die denken, die der Lockdown am härtesten trifft. Unternehmer, denen die Geschäftsgrundlage entzogen wurde. Alleinlebende Menschen, die durch die Kontaktbeschränkungen nun noch einsamer geworden sind. Und Familien, in denen es kriselt, weil der Druck immer stärker wird.
Glaube, Liebe, Hoffnung wach halten heißt aber auch, die Herausforderungen, die sich uns auch nach Corona weiterhin stellen werden wie Klimawandel, globale Ungerechtigkeit oder wachsende gesellschaftliche Spannungen nicht aus den Augen zu verlieren.
Als Christen brauchen wir uns nicht vor dem Ende der Welt zu fürchten. Aber wir sind dazu berufen, Glaube, Liebe und Hoffnung wach zu halten. Wir sind Kinder des Lichts – darum lasst uns dieses Licht in die Welt tragen zu den Menschen, deren Leben gerade in Krisenzeiten nur noch dunkel und trostlos erscheint.
Lasst uns die Hoffnung wachhalten und selber mithelfen, diese zu erfüllen – in dem Glauben daran, dass Gott auf und an unserer Seite ist.
Pfarrer Emanuel Fritz, Stellvertreter der Dekanin



