Frühling 2018

Als ich meine Augen öffne, ist es bereits fast hell im Schlafzimmer (ich schlafe nie mit geschlossenen Fensterläden). Durch das Fenster tönt ein herrliches Konzert in den Raum: Dutzende Vogelstimmen, die sich zu einem gewaltigen Chor vereinen. Im Badezimmer sitzt schon mein Kater auf dem Fenstersims und sieht sehnsüchtig den zwitschernden Vögeln in den Bäumen zu – noch kann er sie sehen, denn noch sind die Zweige kahl, aber die ersten kleinen Blätter entrollen sich schon.

Als ich zum Gartentor laufe, um die Zeitung zu holen, freue ich mich an den Tulpen, die den Weg säumen: die ersten Blüten sind schon aufgegangen und strahlen in Gelb und Rot, als wollten sie mir den Weg leuchten. Und mild ist es, richtig frühlingshaft mild. Eine selige Stimmung ergreit von mir Besitz. Es ist doch immer wieder herrlich, wenn der Frühling sich Bahn schafft.

Die Freude erstickt im Keim, als ich mich in die Tageszeitung vertiefe. Die größte Schlagzeile lautet: Europas „Heizung“ schwächt sich ab. Der Golfstrom, der uns mildes Klima schenkt, erreicht irgendwann Europa vielleicht nicht mehr. Auch ein kleinerer Artikel erschreckt mich: Gestern war es im Kraichgau wärmer als in Mallorca, und nächste Woche soll es so bleiben: Sommer schon ab Montag. Und dann lese ich, dass die Regierung ein bisschen an den Dieselmotoren werkeln lassen will, damit die Feinstaubbelastung nicht doch so gefährlich ist... Ich schaue in den „Stern“ von gestern: durch den Klimawandel werden die Meeresspiegel an den Küsten noch zu meinen Lebzeiten um fast einen Meter steigen.

Wann merken wir endlich, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen... Und tun endlich etwas dagegen – und zwar jeder einzelne... Wie lautet noch einmal der Auftrag des Menschen, den Gott ihm gibt? Die Erde bebauen und bewahren! (1. Mose 2,15)

Schuldekan Gunnar Kuderer