Februar 2023

 
Meditation zur Jahreszeit
Februar 2023
 
 
Mitmenschlichkeit
Meine Katzen liegen faul und zufrieden auf dem Sofa herum. In der Nacht waren sie draußen auf der Pirsch. Manchmal denke ich, so ein Leben als Katze muss etwas Herrliches sein. Sie haben keine Sorgen, weder jetzt noch vor der Zukunft, und sie leben einfach so in den Tag hinein.
Wie anders geht es uns Menschen! Als ob unser eigenes Leben nicht genug an kleinen oder großen Sorgen hätte: stündlich prasseln die großen Sorgen der Menschheit auf uns ein. Und dann auch: das Gegenüber der unterschiedlichen Ereignisse – fröhliche und ausgelassene Menschen, die nach den Corona-Jahren endlich wieder ihren Straßenfasching feiern – Menschen auf Trümmern, die immer noch hoffen, unter den eingestürzten Häusern Überlebende zu finden – Menschen im kalten Kriegswinter, die ohne Strom dem nächsten Luftangriff entgegenfürchten – Fußballfans, die den Sieg ihres Teams bejubeln…

Also doch lieber als Katze leben?
Als Mensch leben ist nicht leicht, mit all den Sorgen und Ängsten – aber als Mensch habe ich die Möglichkeit, in Empathie zu leben: mit dem Leid der anderen mitleben, Mitleid empfinden, helfen wollen, mir selbst helfen lassen. Das macht doch das Menschsein aus: die weltweite Verbundenheit über alles Leid und alle Grenzen hinweg – dass wir dazu fähig sind! Wir nennen unsere Möglichkeiten die sechs Werke der Barmherzigkeit: Hungernden zu essen geben, Dürstende tränken, Nackte kleiden, Obdachlosen ein Dach anbieten, Kranke und Gefangene besuchen (Matthäus 25). Als Mensch bin ich nicht allein, sondern eingebunden in ein riesiges Netz der Mitmenschlichkeit. Und dieses Netz ist größer als alle Bösartigkeit. Das hoffe ich zumindest.


Gunnar Kuderer, Schuldekan