Der Mensch lebt nicht nur von Brot

 
Am Sonntag hielt ich in zwei Kirchen Gottesdienst. Beide Kirchenräume waren gut besucht; wenn man die geltenden Abstandsregeln berücksichtigt, sogar fast voll. Da wurde mir ganz anschaulich bewusst, was das Jesus-Wort meint: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ (Matthäus 4,4). Ganz offensichtlich: Menschen wollen (göttliche) Trostworte hören in dieser schon so lange anhaltenden Krisenzeit, die viel von uns abverlangt und große Opfer fordert.
 
Ich würde den Spruch gern ergänzen: „... und von den Worten der Nächsten.“ Wir Menschen brauchen Begegnung, brauchen Kontakte, brauchen Gespräche. Eine Legende berichtet, dass im mittelalterlichen Sizilien Kaiser Friedrich aus reinem Forschungsdrang Waisenkinder aufziehen ließ ohne ein Zeichen von Zuwendung und ohne jedes Wort; alle Kinder, so erzählt die Legende, verkümmerten.

Interessanterweise stammt der Spruch von Jesus aus der Versuchungsgeschichte. Und auch wir sind versucht, andere Menschen zu treffen; zur Not auch heimlich, in den eigenen vier Wänden, Fenster zu, damit es die Nachbarschaft nicht merkt – und das Virus lacht sich ins Fäustchen, schon wieder der Menschheit ein Schnippchen geschlagen...

Was spricht denn dagegen, wenn wir uns im Freien treffen dürfen mit so vielen Menschen, wie wir für unsere seelische Gesundheit brauchen – solange wir den Abstand wahren und draußen bleiben? Was spricht dagegen, im heimischen Garten ein Frühstück mit den Nachbarn zu feiern, auf dem Balkon mit den Freunden von der guten alten Zeit zu reden oder in einer größeren Gruppe durch die erblühende Natur zu wandern? Gar nichts, meinen die Aerosolforscher. Meidet die Innenräume, sucht die Natur!, könnte ein neuer Zugang zum Umgang mit der Pandemie lauten. Dann gewinnen wir durch diese
menschlichen Begegnungen auch die Energie, mit all den anderen Beschränkungen zu leben und sie durchzustehen. Plus die Kraft, die aus dem göttlichen Wort zuströmt. Wäre doch einen Versuch wert – oder was meinen Sie?
 
Schuldekan Gunnar Kuderer